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Das Gegenteil ist der Fall. Menschen, die heute Rente beziehen, haben ja einen riesigen gesellschaftlichen Reichtum geschaffen.

Die Forderung nach längerer Lebensarbeitszeit kommt in der Regel von Menschen, deren Einkommenserwartung im Alter weit über den durchschnittlich ausgezahlten Renten von ca. 1400 € bei Männern und 1000€ bei Frauen liegt. Ihre Arbeitsleben dürfte sich auch ganz anders gestalten als das einer überwiegenden Mehrheit.

In Berufen in denen Menschen körperlich schwer arbeiten oder sonstigen hohen Belastungen ausgesetzt sind, wie am Bau, bei der Heizungs- und Sanitärtechnik, in der Pflege und im Erziehungswesen, wäre dringend eine Senkung des Renteneintrittsalters zu fordern. Mehr als zwei Drittel aller Beschäftigten in diesen Bereichen bezweifeln nämlich, dass sie überhaupt bis zur Rente durchhalten können.

Die veränderte Altersstruktur der Gesellschaft und die Tatsache, dass die geburtenstarken „Boomerjahrgänge“ jetzt ins Rentenalter kommen, werden gerne für die Probleme bei der Finanzierung der Renten verantwortlich gemacht – so als sei die Entwicklung unvorhersehbar gewesen. Nun sollen die Alten länger arbeiten, um den Jungen weniger auf der Tasche zu liegen. Dabei ist das angebliche Überalterungs-Problem wirklich nicht neu. 1871 kamen auf eine Person über 65 noch 11 Menschen im arbeitsfähigem Alter. Hundert Jahre später waren es nur noch fünf und heute sind es weniger als drei. Doch ist ein einziger Mensch heute auch um ein Vielfaches produktiver als seine Vorfahren vor 150 Jahren. Das heißt: Die Produktion an Waren und Dienstleistungen, über die unsere Gesellschaft verfügen kann, ist u.a. auf Grund des technischen Fortschritts immens gestiegen.

Nach 1945 folgten die Löhne in etwa diesem Anstieg der Arbeitsproduktivität - nicht als freiwillige Leistung der Arbeitgebenden, sondern auf Grund gewerkschaftlicher Kämpfe, versteht sich. Seit Mitte der 1970er Jahre  ist es damit vorbei. Die Produktivität des Einzelnen wächst Jahr für Jahr weiter wie zuvor, nur schlägt sich das immer weniger in den Einkommen der Lohnarbeitenden nieder. Die stiegen nicht ein mal halb so schnell wie die Wertschöpfung. Diese Fehlentwicklung und nicht die beschworenen Überalterung der Gesellschaft ist Hauptursache für das Problem mit den Renten, denn diese sind ja an die Höhe der Löhne gekoppelt. Oder etwas flappsiger ausgedrückt: Das Geld fällt immer schneller nach oben und fehlt unten, wo es zum Beispiel die Rentenlücke stopfen könnte. Und die Lösung soll jetzt die Rente mit 70 sein?

Nicht einmal jeder zehnte junge Mensch glaubt mehr an ein gesichertes Leben im Alter. Vor allem Frauen fallen in Altersarmut, weil sie immer noch deutlich weniger verdienen als Männer. Auch Migrantinnen und Migranten sind wegen geringerem Verdienst und häufigeren Zeiten der Arbeitslosigkeit stärker betroffen. Statt einer längeren Lebensarbeitszeit oder staatlichen Börsenspielen mit den Rentenbeiträgen - bei denen die Rente nur steigt, wenn die Rendite an den Aktienmärkten größer wird, weil die Löhne sinken -  braucht es ein gesichertes Leben im Alter für Alle. Und dies setzt eine wirklich grundlegende Reform der Altersversorgung voraus, die nicht vor einer notwendigen Umverteilung Halt macht. Wer Milliarden in die Rüstung steckt, Unternehmen und Reiche von Steuerforderungen verschont und statt dessen die Schere zwischen arm und reich immer weiter aufmacht, schafft mehr soziale Ungerechtigkeit. Doch soziale Gerechtigkeit ist die wichtigste Voraussetzung für eine friedliche und demokratische Entwicklung.